fremde Identitäten Karneval verkleiden
Lisa McAbbey schreibt über die Faszination an Karneval in fremde Identitäten zu schlüpfen
Kostproben eines anderen Lebens

„O wär ich doch ein Narr! Mein Ehrgeiz geht auf eine bunte Jacke.“

Der spontane Ausruf des schwermütigen Höflings Jacques nach einer zufälligen Begegnung mit dem spaßigen Hofnarr Touchstone in William Shakespeares Komödie As You Like It bringt – neben allerlei anderen Interpretationsmöglichkeiten dieser Szene – einen Wunsch zum Ausdruck, der viele von uns fasziniert: einmal in die Rolle eines anderen zu schlüpfen. Herkunft, Erziehung, Beruf, soziales Umfeld – all das sind Faktoren, die unser Leben in bestimmten Bahnen verlaufen lassen. Doch was wäre, wenn wir dem entfliehen? Zumindest für eine Weile?

Kostproben eines anderen Lebens

Während es für Schauspieler und Undercover-Agenten zum 1×1 ihres Berufs gehört, eine fremde Identität anzunehmen, bietet sich für den Rest von uns weniger oft die Gelegenheit, diesen Wunsch auszuleben. Zum Glück gibt es heutzutage ein vielfältiges Angebot: Mittelalterfeste und Ritterturniere locken Besucher in authentischen Gewandungen an. Die boomende LARP (Live Action Role Playing)-Szene organisiert für ihre Mitglieder jedes Jahr hunderte von Live-Rollenspielen – dabei ist von Game of Thrones, Harry Potter über Zombies und Star Trek bis Downton Abbey alles an Themen vertreten. Wer es nicht ganz so aufwändig mag, kann sich, sozusagen virtuell, vor PC oder Konsole sitzend, in Samuraikrieger, Scharfschützen, Monsterjäger und Mafiosi verwandeln – die Möglichkeiten sind schier grenzenlos.

Wie war das früher?

Aber auch früher gab es schon Gelegenheiten, aus den meist strengen Regeln des Alltagstrotts auszubrechen und in fremde Identitäten zu schlüpfen. Im antiken Rom, zum Beispiel, wurden mehrtägige Saturnalien gefeiert, mit ausschweifenden Gelagen und farbenprächtigen Umzügen. Sklaven und Herren tauschten dabei vorübergehend ihre Rollen. Bei mittelalterlichen Eselsmessen zelebrierten statt des Bischofs ausnahmsweise Angehörige des niederen Klerus die Messe, allerdings in Tierkostümen, mit Narrenkappen und frivolem Gesang. An Weiberfastnacht erstürmten die Frauen der Stadt das Rathaus und übernahmen für einen Tag das Regiment.

Das kommt uns doch bekannt vor

Aus all diesen Traditionen – und einigen mehr – hat sich im Lauf der Jahrhunderte der Karneval entwickelt. In der sogenannten fünften Jahreszeit beteiligt sich heute beinahe jeder am temporären Rollentausch. Man erkennt uns kaum wieder, wenn wir, in bunte Kostüme gekleidet, ausgelassen feiern und den Obrigkeiten rotzfrech unsere Ansichten kundtun, ohne uns ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Für eine Weile lassen wir den Ernst des Lebens hinter uns. Für eine Weile sind wir jemand anderes: verrückte Narren.

Fremde Identitäten: Faszination und Gefahr

In eine fremde Rolle zu schlüpfen, macht Spaß. Es eröffnet uns neue Erlebnis- und Gefühlswelten – und kann solcherart unseren Horizont erweitern. In diesem Sinne empfahl der berühmte Filmregisseur Luis Bunuel: „Sich zu verkleiden, ist eine aufregende Sache. Jeder sollte es einmal tun, weil es einem einen Einblick in ein anderes Leben erlaubt.“
Die Protagonistin meines historischen Romans Der Spion mit dem Strumpfband, die junge Geheimagentin Clarissa, Tochter eines verarmten Baronets, schlüpft im London des Jahres 1756 berufsbedingt in verschiedenste Rollen: Buchhändlergehilfin, modischer Stutzer, Unschuld vom Lande, forsche Dirne.
Gerade die Tarnung als Prostituierte ermöglicht ihr ein recht freizügiges, ungehemmtes Verhalten, das für eine Frau, die der damaligen strengen Etikette des Adelsstandes unterworfen ist, niemals in Frage käme. Was Clarissa einerseits die Erledigung ihres Spionageauftrags erleichtert, manövriert sie andererseits in eine äußerst unangenehme Situation: Sie wird nicht nur als Dirne wahrgenommen, ihre Mitmenschen behandeln sie auch entsprechend, unmissverständliche Einladungen inklusive – woraufhin das in dieser Hinsicht unerfahrene Mädchen schließlich die Nerven verliert …

Das Eintauchen in fremde Identitäten kann also durchaus auch Gefahren bergen, derer wir uns bewusst sein sollten. Dazu gehört auch die Gefahr, sich in der künstlichen Realität zu verlieren, oder die Gefahr, die Grundregeln eines von Respekt und Toleranz geprägten Umgangs zu vergessen, wenn wir uns auf Social Media-Plattformen hinter selbsterfundenen Identitäten verstecken.

Wenn wir diesen Gefahren allerdings mit Vernunft und Augenmaß begegnen, steht dem Abenteuer nichts im Wege. Frei nach William Shakespeare bleibt also nur noch Folgendes zu tun: „Dann suche dir eine Rolle aus, die dir so richtig Spaß macht.“

Mehr Information zu »Der Spion mit dem Strumpfband«:

Agentin mit Herz!

London 1756: Die junge Agentin Clarissa Greenly, Tochter eines verarmten Barons, erhält den Auftrag, einem hohen Regierungsbeamten, dem nüchternen und strengen Earl von Hawkhurst, ein geheimnisvolles Notizbuch abzujagen. Doch so erfolgreich sie auch sonst ihre geheimen Aufträge ausführt – diesmal will es nicht klappen! Und jeder neue Versuch stürzt Clarissa in tiefere Gefühlsverwirrungen, denn der Earl entpuppt sich als äußerst attraktiver und leidenschaftlicher Mann.

Charmante und kurzweilige Spionage- und Liebesgeschichte mit viel London-Flair.

Kaufen

 

Dieser Blogbeitrag wurde verfasst von:

McAbbey, Lisa

Lisa McAbbey, geboren 1970 in Wien, hat Rechtswissenschaften studiert und ist für einen internationalen Konzern tätig. Ihre Freizeit verbringt sie mit Schreiben und dem Versuch, ihrem Labradormischling Manieren beizubringen.

Kommentiere den Beitrag

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

9 + 1 =