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J. S. Frank über The Walking Dead und die Vielschichtigkeit von Genre-Literatur

Smash99 - Genre-Literatur? Aber ja doch! Gerne!

In der 11. Episode – »Sorry, brother« – der 2. Staffel von The Walking Dead kommt es zu einem denkwürdigen Streitgespräch innerhalb der Gruppe um Sheriff Rick Grames. Es geht darum, wie sie mit einem Gefangenen einer verfeindeten Gruppe verfahren soll. Der Konflikt: Die Vorräte reichen nicht aus, um ihn durch den Winter zu bringen, aber freilassen kann man ihn auch nicht, da er unter Umständen seine Freunde informieren wird, die dann schwer bewaffnet zurückkehren und alle ermorden . Für die meisten steht fest: Der Gefangene muss getötet werden. Lediglich einer von ihnen – Dale – appelliert an Ethik, an Moral, an die zivilisatorischen Werte. Er fragt die Gruppe, ob das die Lösung sei: »… dass wir ihn töten, um ein Verbrechen zu verhindern, das er vielleicht niemals versucht?« Mit seiner beharrlichen Art bringt Dale die anderen nach und nach in immer größere Gewissensnöte.

»The Walking Dead« meets »Terror« von Ferdinand von Schirach

Mich hat diese Szene an eines der populärsten und meist gespielten Theaterstücke der letzten Jahre – »Terror« von Ferdinand von Schirach – erinnert. (In »Terror« muss das Theater-Publikum über einen Piloten »richten«, der ein Flugzeug mit 164 Insassen abgeschossen hat, um – vielleicht – einen Terroranschlag auf mehrere zehntausend Menschen zu verhindern.) Hier wie dort geht es um das Dilemma, in dem eine Gesellschaft steht, die entscheiden muss: Ist die Menschenwürde unantastbar, darf man Leben gegen Leben abwägen, und darf man in Notsituationen das kleinere Übel wählen, um ein eventuell größeres Übel abzuwehren?

Beiden Szenarien gemein ist die große Ernsthaftigkeit, mit der sich sowohl Ferdinand von Schirach, als auch die Drehbuchautoren von »The Walking Dead« mit diesem Thema auseinandergesetzt haben.

Erstaunlich, nicht wahr? Dabei ist The Walking Dead doch nur ein Genre-Film, ein Endzeit-/Apokalypse-/Dystopie-/Zombie-Thriller. Darf sich so ein Genre aber überhaupt mit solchen Themen beschäftigen?

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»Genre-Literatur« vs. »Hoch-Literatur«

Im deutschen Literaturbetrieb wird im Zusammenhang mit Original-eBook-Veröffentlichungen und dem Thema Selfpublishing gerne abfällig davon gesprochen, dass dieser Sektor ja vor allem von der Genre-Literatur (Krimi, Fantasy, Romantik, Science-Fiction etc.) dominiert würde – in Abgrenzung von der angeblich richtigen Literatur, die zwischen richtigen Buchdeckeln stattfindet bei Dichtertreffen diskutiert und von richtigen Literaturkritikern besprochen wird. Die altertümlich anmutende Unterscheidung zwischen U- und E-Literatur, dem nur Unterhaltenden und dem richtig Ernsthaften, ist anscheinend einfach nicht totzukriegen.

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Schade eigentlich – im Film-Bereich zum Beispiel gibt es diese Unterscheidung schon lange nicht mehr. (Oder welcher Feuilletonist würde ernsthaft bei Howard Hawks, Alfred Hitchcock oder Stanley Kubrick, um nur einige wenige zu nennen, davon sprechen, dass das ja nur Genre-Regisseure gewesen seien?)

Reise in die Welt von Smash99

Genre-Romane beschäftigen sich eben nicht nur mit Liebeleien, Fabelwesen und kauzigen Kriminalgeschichten; sie beschäftigen sich auch – wie Genre-Filme (siehe die eingangs erwähnte Szene bei The Walking Dead) – mit ernsthaften, existenziellen, nicht selten ausweglos erscheinenden Konflikten, mit Problemen, bei denen sich die Protagonisten zwischen Pest und Cholera entscheiden müssen.

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Ich zeige in meiner dystopischen SMASH99-Thrillerserie eine Gesellschaft, die von perfiden Terroranschlägen durchgeschüttelt und in ihren Grundfesten erschüttert wird, die sich nach mehr Sicherheit sehnt und sich in die Hände einer immer autoritärer agierenden Staatsführung und immer rücksichtsloseren Paramilitärs begibt.

Umfassende Gefühle für den Leser

Mir war von Anfang an klar: Diese Geschichte kann weder von einem allwissenden noch von einem scheinbar unbeteiligten personalen Erzähler wiedergegeben werden. Die Schicksale, die Verletzungen, der Verlust von Angehörigen und Freunden wie auch der Verlust an Empathie, das wachsende Misstrauen, die Schrecken, die Ängste, Wut und Zorn – all dies sollte von Menschen aus »Fleisch und Blut« geschildert werden, konsequent subjektiv, konsequent aus der Perspektive von Betroffenen. Die geringstmögliche Distanz eines Ich-Erzählers zu dem Geschehen wollte ich auch für die Leser erfahrbar machen, diese sozusagen »mitnehmen« auf die Reise in ein menschliches und moralisches Katastrophengebiet.

Ich kann nur hoffen, dass es mir gelungen ist, diese Reise spannend, nervenaufreibend, manchmal schockierend, manchmal provozierend und manchmal ruhig auch zum Nachdenken anregend zu gestalten.

Mehr Informationen zu »Smash99«:

DIE SERIE: Ein fremdartiges Toxin verbreitet sich rasend schnell – Smash. Wer damit infiziert wird, verwandelt sich innerhalb von Sekunden in einen vor Wut rasenden Smasher, der seine Mitmenschen anfällt und zerfetzt, bevor er selbst stirbt. Niemand weiß, wer hinter der Verbreitung des Gifts steckt. Klar aber ist: In einer Gesellschaft am Rande des Zusammenbruchs sind Smasher nicht dein größer Feind.

FOLGE 1 – BLUTRAUSCH: Hardy Stalmann hat sich wie die meisten Menschen an die täglichen Meldungen über tödliche Smasher-Angriffe gewöhnt. Doch dann erlebt er hautnah, wie ein Infizierter eine Frau in Stücke reißt. Das Erlebnis rüttelt Hardy wach. Ausgerechnet ihn, den drogensüchtigen Lehrer, der nichts mehr zu verlieren hat – und nun in einer hysterisch gewordenen Welt für ein wenig Ordnung sorgen will …

 

Dieser Blogbeitrag wurde verfasst von:

J. S. Frank

Frank J. S.

J.S. Frank hat nach seinem Germanistik-Studium mehr als zwanzig Jahre für ein internationales Medien-Unternehmen gearbeitet. Seit 2013 ist er freier Autor mit einem ungebrochenen Faible für die anglo-amerikanische und französische Literatur. J.S. Frank ist ein Pseudonym des Autors Joachim Speidel, der mit seinen Kurzgeschichten bereits zweimal für den Agatha-Christie-Krimipreis nominiert war.

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